Womogeschichten
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Wohnmobilfahren im Wandel der Zeit

„Die Zeiten ändern sich“ ein Spruch, der sich auf viele Bereiche des Lebens anwenden lässt und auch auf das Reisen mit dem Wohnmobil zutrifft.
Wenn ich so an die Anfänge unserer Wohnmobil-Fahrerei zurück denke, hat sich doch einiges verändert. Nicht nur, dass damals noch unsere Kinder mit an Bord waren. Aus diesem Grund fahren wir heute noch mit Kinderzimmer sprich Alkoven durch die Lande. Nur dass, das ehemalige Kinderzimmer mittlerweilen als Abstellraum fungiert oder als Gästezimmer. Als Gästezimmer aber eher weniger. Dafür genießen wir die Vorteile des Alleinreisens zu sehr, auch Ziele und Aufenthaltsdauer haben sich mit den Jahren verändert. Wir steuern keine Freizeitparks, Zoos und Stellplätze mit Spielmöglichkeiten mehr an und brauchen auch nicht ständig darauf zu achten, das mindestens eine Disco oder wenigstens ein paar coole Läden in der Nähe sind, selbst Erlebnisbäder besuchen wir noch ausgesprochen selten, dafür suchen wir eher Entspannung in Thermen oder Schwimmen in einfachen Hallenfreibäder auch wenn sie keine Rutsche haben. Wir müssen auch keine halbe Woche mehr an einem Ort bleiben, der uns überhaupt nicht gefällt, nur weil unsere Tochter gerade dort eine super, beste Freundin gefunden hat. Wir sind frei und können wieder tun was wir und fahren wohin wir wollen.
Aber auch sonst hat sich noch so einiges geändert in den letzten Jahren. Haben wir in unseren ersten eigenen Wohnmobil, einem Bürstner H 570 mit Längsbank und Heckküche noch davon geträumt, einmal ins Bett gehen zu können, ohne Betten bauen zu müssen , verfügt unser jetziges Schätzchen nicht nur über satte 2m mehr Länge zum Wohnen, über eine Dusche, die man benutzen kann ohne dafür das gesamte Bad ausräumen zu müssen, sondern auch über ein großes , breites Festbett. Jeder Zeit ist es nun möglich die nun auch schon älter gewordenen Glieder auszustrecken.
Aber nicht nur in der Einrichtung und im Komfort hat sich seit unseren Anfängen einiges geändert, auch wenn unser jetziges Schätzchen ein Mizar 330 bald 10 Jahre auf dem Buckel hat. 10 Jahre in denen auch die Technik im verstärktem Maß Einzug in die Wohnmobile gehalten hat.
Das soll nicht heißen, dass die Technik vor unserem Wohnmobil halt gemacht hätte, dafür hat schon mein Mann Michael gesorgt und ihr um es einmal bildlich auszudrücken dafür sogar den „roten Teppich“ ausgelegt. Und darüber ist im Laufe der Zeit einiges gewandert: eine Solaranlage zur Stromproduktion, einen Umwandler auf 220 Volt, nun kann ich meinen Fön immer und zu jeder Zeit mit eigenem Strom betreiben falls es mal keinen zu kaufen gibt, eine Satelitenanlage und DVBT- wie haben wir früher die Abende nur ohne Fernsehen herum bekommen, eine Rückfahrkamera, eine sinnvolle Anschaffung, die allerdings erst angeschafft wurde als die hintere Stoßstange bereits mit einem dicken Stein Kontakt aufgenommen hatte und eine Mikrowelle, auf die ich überhaupt nicht mehr unterwegs verzichten möchte und die mit dem Gasbackofen zusammen unseren Speisezettel unterwegs ungemein erweitert hat. Und seit einiger Zeit ist auch noch ein Laptop , der neuerdings um einen Internetstick erweitert wurde, mit auf der Reise.
Wie es in vielen Bereichen ist, wenn die Technik kommt, gehen Jobs verloren. Ich habe meinen Job als Navigatorin, Kartenleserin und Routenplanerin an ein kleines Kästchen mit Namen Navi, Spitzname Else, abgeben müssen. Nun haucht Else mit leicht erotischer Stimme: Abbiegung links vor innen, links fahren“ Michael ins Ohr und diktiert ihm den Weg. Ich gebe ja zu, in Großstädten ist Else unschlagbar, sie wird auch niemals nervös, wenn wir uns verfahren haben und hat immer einen Alternativplan auf Lager. Else ist durchaus abenteuerlustig, wenn es darum geht ein paar Kilometer abzukürzen. Hätte ich früher Mann und Mobil in solche Straßen geschickt, ich weiß nicht, ob da nicht der Haus -sprich „Womo“-Segen ins Wanken geraten wäre. Else ist nicht mehr wegzudenken und wie abhängig wir von ihr geworden sind, haben wir gemerkt, als sie letztes Jahr mitten in Hamburg ihre Dienste eingestellt hatte. Wenn Else aber funktioniert verlaufen unsere Fahrten unter ihrer Obhut wesentlich stressfreier.
Doch nun versucht Else auch noch die letzte mir verblieben Bastion zu erstürmen. Else kennt alle Stellplätze. Noch bevor ich eine Seite in dem heiligen Buch aller Wohnmobilisten, dem Stellplatzatlas, aufgeschlagen habe, zeigt Else bereits still und heimlich alle Stellplätze der Region auf und nicht nur das: mit einem sanften Fingerstups navigiert sie uns direkt zu diesem Punkt unseres momentanen Interesses. Nur, ob der Stellplatz bereits voll ist, das kann Else uns leider zurzeit noch nicht mitteilen.
Auch unsere Stellplätze haben in den letzten Jahren eine Veränderung erfahren. Vor 15-20 Jahren gehörte die Stellplatzsuche noch zum täglichen Abenteuer der Wohnmobilfahrer. Nie wussten wir, wo und unter welchen Bedingungen das Wohnmobil am Abend stehen würde. Als ausgefuchste Zeitgenossen waren Parkplätze an Frei -und Hallenbädern, an Kirchen und Fußballplätzen, Friedhöfen und Wanderparkplätzen, unsere Stellplätze für die Nacht. Aber trotzdem passierten uns Fehlgriffe, wie die Wahl des asphaltierte, ebene Platz, auf den wir in der Dunkelheit einer kleinen französischen Stadt fuhren und der sich am nächsten Morgen durch das Geschrei von Kindern, das uns weckte, als Schulhof herausstellte.
Auch mit dem „Wasser bunkern“ und Abwasser entsorgen war es in Zeiten mangelnder Stellplätze mit VE schlecht bestellt. Wie oft haben wir 10 l Diesel getankt, in der Hoffnung unseren Wassertank auch gleich füllen zu können. Oft blieb uns nur die teure Alternative eines Campingplatzes.
Der Hobbykapitän der Landstraße und seine Crew hatten täglich en Pflichtprogramm zu absolvieren, denn bei 4 Personen waren Toilette und Abwassertank in Windeseile gefüllt, dafür der Wassertank umso schneller leer. Zur gründlichen Reinigung wurde alle 2-3 Tage je nach Jahreszeit ein Hallen- oder Freibad angesteuert und wenn das Wasser aus dem Abwassertank die Straße zu markieren begann, mußten wir schon mal eine Nacht auf dem Campingplatz verbringen, um entsorgen zu können.
Viele Stressfaktoren und doch machten gerade sie unsere Wohnmobiltouren zu Abenteuerfahrten. Nichts war wirklich planbar, nicht vorhersehbar.
Wie freuten wir uns, als wir den ersten Stellplatzatlas in Händen hielten. Jetzt wurde schon von zu Hause aus das Ziel geplant und es war immer wieder spannend, was uns amStellplatz erwartete. Manche Stellplätze waren ganz einfach zu finden, andere suchten wir wie die berühmte Nadel im Heuhaufen.
Und dann gewann das Internet Einfluss auf unser Reiseverhalten. Dank Google Erth wurden die Stellplätze schon mal zu Hause virtuell angeflogen und inspiziert. Nicht dass wir zu den mobilen Zeitgenossen gehören, die bereits zu Hause detailliert den Urlaub mit Zielen und Stellplätzen planen, aber eine gewisse Vorinformation kann ja nicht schaden und erhöht dazu noch die Vorfreunde.
Das Stellplatznetz ist nicht nur in Deutschland sondern in ganz Europa immer dichter geworden. Aber auch die Anzahl der aktiven Wohnmobilisten ist kontinuierlich gestiegen. Sorgen Stellplatzatlas, Internet und Navi für eine stressfreie Anfahrt, so kann es heute schon mal am Ziel stressig werden, nämlich dann, wenn der favorisierte Stellplatz schlicht und ergreifend voll ist. Das passiert heute immer häufiger zu Ferienzeiten und an Feiertagen an attraktiven Zielen, wie z.B. an der deutschen Nord-und Ostseeküste. Da sind die nicht mehr im Arbeitsprozess stehenden Wohnmobilisten deutlich im Vorteil. Sie stehen bereits mit ausgefahrener Sateleitenanlageund dem Stecker im Stromkasten in der 1. Reihe, wenn andere Womofahrer nach Arbeitsende ins wohlverdiente Wochenende fahren.
Vielleicht stehen wir in 10 Jahren auch wir in der 1. Reihe, vielleicht aber auch nicht.
Vielleicht suchen wir aber trotz „Else“, Fernsehen und Mikrowelle an Bord wieder mehr nach dem, wenn auch kalkulierbaren Abenteuer.